Der Artikel stammt aus dem Katalog Industrielandschaft Grenland,
herausgegeben von Per Berntsen, 2002.
Deutsche Übersetzung: Herbert Wiegand.
Nur wenige Gebäudetypen haben im Lauf der letzten 300 Jahre einen stärkeren Symbolwert innerhalb von Kultur und allgemeinem Bewußtsein bekommen wie das Fabrikgebäude. Wohl nur das Kirchengebäude, das Gotteshaus, hat einen ähnlich unmittelbaren Wiedererkennungseffekt. Die Fabriken wurden ein Begriff in der industriellen Revolution und damit ein Symbol für Reichtum und Macht eines Landes, für die technische Überlegenheit der Europäer und für den Abstand zwischen reich und arm, zivilisiert und primitiv.
So gesehen waren Fabriken die ersten hundert Jahre ein überwiegend positives Symbol. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte allerdings die Profitsucht und die rohe Ausbeutung der Arbeiter so zugenommen, daß Fabriken Brutstätten für die Revolutionen wurden, die die Welt in den letzten 150 Jahren geprägt haben.
Nach dem ersten Weltkrieg mußte das zerstörte Europa wieder aufgebaut werden und Industrie wurde wieder zu einem mehr positiv besetzten Begriff, besonders in totalitären Regimes wie die Sowjetunion und später Deutschland, aber auch in dem Land, das sich eine führende Rolle in der Welt erkämpft hatte, den USA. Es ist wohl kaum Zufall, daß das amerikanische LIFE Magazin auf der Titelseite der Erstausgabe den Grand Coulee Dam zeigte, fotografiert von Margaret Bourke-White.
Auch in Norwegen war der Industriebau zwischen den Kriegen sehr rege, besonders in Verbindung mit der Wasserkraft großer Flüsse und Wasserfälle. Telemark war eine der ersten Regionen, die ausgebaut wurde und dies mit starkem Gewicht auf Rjukan, Notodden und dem Grenlandsgebiet. Rjukan und Notodden wurden vor dem zweiten Weltkrieg ausgebaut, während das Grenlandsgebiet seinen größten Wachstumsschub erst in der Nachkriegszeit erreichte. Das geschah in der materialistisch-optimistischen Wiederaufbau-Atmosphäre, die die erste Nachkriegsdekade prägte. Aber in den Sechziger Jahren bekam dieser Optimismus etwas abgestandenes, da sich ein Bewußtsein über die umweltschädlichen Konsequenzen der Industrie entwickelt hatte.
Die Industrie und ihre Repräsentanten stellten nicht nur den Gegner für eine mehr und mehr politisch bewußte Jugendszene dar, sondern darüberhinaus galten Fabriken als gesundheitsschädlich und häßlich.
Wie häßlich aber waren diese Fabriken?
Ausgehend von bestimmten Nutzungskriterien, sind Fabriken wie Gotteshäuser angelegt. Wo die Kirche ihren Turm hat, steht bei der Fabrik der Schornstein. Die Produktionshalle der Fabrik mit den Arbeitern entspricht dem Kirchenschiff mit der Gemeinde. Die Kirche hat einen Altar mit Priester, während die Fabrik über ein Büro des Direktors verfügt, und schließlich entspricht die Kanzel in der Kirche der Marketingabteilung in der Fabrik. War der Nidaros-Dom zu seiner Zeit Ernährungsgrundlage für Trondheim, so war dies in der Nachkriegszeit die Rolle der Industrie für unzählige, bis dahin arme Gemeinden. Der Unterschied besteht nur darin, daß sich die Kirche dem Geist, die Fabrik aber den Dingen widmet und sich damit mehr im Einklang mit der Zeit befindet als die Kirche.
Aber nun, am Ende der industriellen Epoche in den reichen, westlichen Ländern stehen die Fabriken ähnlich wenig genutzt da wie die Kirchen, jedoch nicht annähernd so gehegt durch Kulturträger.
Es gibt viele gute Bücher und Dokumentationen über Kirchen. Alleine über den Nidaros-Dom sind mehrere Dutzend Prachtbände herausgegeben worden und es werden immer noch mehr. Immer wieder ist die Schönheit der Kathedralen von Fotografen beschrieben worden, während die Kraft der Industriegebäude langsam zersetzt wird. Nicht nur, daß alte abgerissen werden, es wird umgebaut, angebaut, bis zur Unkenntlichkeit verändert, ohne daß dies jemand zu stören scheint - so lange das nicht zu ökonomischen Einbußen führt.
Industrielandschaft Grenland ist ein Versuch, den hier Ansässigen und anderen die spezielle Ästhetik der industriellen Architektur aufzuzeigen und nahezubringen. Diese Architektur wirkt roh, funktionell und brutal. Aber wie weit ist unsere Vorstellung von dem Wissen darüber geprägt, was diese Gebäude sind und was sie produzieren an Verunreinigung und menschlichem Elend.
Aufgewachsen in einer Stadt ohne jede Form von Schwerindustrie, war mein erstes Zusammentreffen mit Porsgrunn und dem Fabrikkomplex auf Herøya eine Offenbarung. Die Größe. Das Licht. Die Schwere. Aber vor allem diese Kraft.
Seit dem Ende der 70er Jahre sind mir Per Berntsens Arbeiten bekannt und ich habe seine Produktion von einem relativ romantischen Bild eines Wasserfalls im Eggedal bis zu dieser Serie von Industrielandschaften verfolgt. Dies kann wie ein großer Sprung erscheinen, aber genaugenommen geht es hier um dasselbe. Es geht um Linien, um Formen, es geht darum was da ist, um die spezifischen, ästhetischen Qualitäten und Besonderheiten des Fotografierten.
Per Berntsen hat auch früher schon Architekturprojekte durchgeführt, in erster Linie mit einer Bilderserie der besonderen Architektur auf Rjukan, aber auch mehr Auftragsarbeiten über zeitgenössische Architektur. Auffallend dabei ist, daß die Bilder der Industrielandschaft Grenland in keiner Weise didaktisch sind. Aus den Bildern wird weder ersichtlich was, noch wie produziert wird und: es ist kein Mensch zu sehen.
Die Gebäude und Konstruktionen stehen einfach da, gegen einen klaren, stillen Himmel. Sie sind sich selbst genug. Die Bilder wimmeln von Details; aber diese fügen sich zusammen und ordnen sich dem Ganzen unter. Ob es leichte Konstruktionen auf einem öden Platz sind, ein Bürogebäude, Silos aus glänzendem Stahl: alle werden umdefiniert zu ästhetischen Objekten. Schattenwirkungen von Kuben und Zylindern, lange Rohrstraßen, die von irgendwo kommen und irgendwohin verschwinden, Beton, Metall: Industrie.
Die Motive sind auf dieselbe Weise behandelt wie er seine Naturlandschaften behandelt. Er hat viele Landschaftsserien von seiner Heimatgemeinde Sigdal und anderen Orten produziert. Dies sind oft Bilder, die vielen sehr eintönig erscheinen: weite Hochebenen, kleine Gebirgstannen, Heidehügel. Vielleicht sind sie gemacht worden beim Versuch sich durch- und vorbeizudrängen an der Natur, die wir so gewohnt sind wertzuschätzen, die spektakuläre und großartige Touristennatur.
Das ist wie ein Gang in der Natur. Es ist nicht immer naheliegend, den Kopf zu heben für eine großartige Aussicht, man blickt stattdessen vor sich auf den Pfad, man sieht den Morast fünfzig Meter weiter und den Baum, den man umgehen muß. Es ist eine persönliche Wanderung durch eine Landschaft, die zum Verwechseln allen anderen Landschaften gleicht und dennoch absolut einzigartig und ortsspezifisch ist.
Auf die gleiche Weise behandelt Berntsen die Industrielandschaft. Zweifellos als ebendiese wiedererkennbar für alle, die irgendwann einmal Fabriken gesehen haben. Er gibt uns keine Übersicht, keine Orientierungshilfe, sondern teilt die großen Komplexe in Stücke auf. Die Proportionen verschwinden und die Perspektive zieht uns in eine Landschaft, die menschgebaut aber menschenfern und menschenleer ist. Dies kann sehr zufällig wirken, es gibt aber eine Logik im Aufbau, Sinn und Konsequenz, was wir auch in der natürlichen Landschaft beobachten können. Mit diesen Bildern hat Per Berntsen einen neuen Standard der Vermittlung von Industrielandschaft entwickelt, der gänzlich jener von Naturlandschaft entspricht. Letztendlich ist es nur eine Frage des Blickes; dessen, was das Auge sieht.
Die Schönheit ist da. Immer.